Wenn Zölle den Uhrenmarkt bedrohen – Was die neuen Handelsbarrieren für Deutschland und Europa bedeuten

In unserem Blog geht es normalerweise um Design, Handwerkskunst und Emotionen – nicht um Wirtschaftskriege.
Doch in diesem historischen Moment können wir den sprichwörtlichen Elefanten im Raum nicht ignorieren: Mit der Einführung drastischer neuer Zölle auf Uhren aus der Schweiz, Deutschland und Japan durch die Trump-Regierung rückt plötzlich ein Thema ins Rampenlicht, das sonst meist hinter den Kulissen bleibt.
Der aktuelle Stand – und warum die Aufregung groß ist
Am 2. April 2025 – mitten während der Watches & Wonders in Genf – traf die Nachricht die Branche wie ein Blitz: Die USA erheben neue Zölle von 31 % auf Schweizer, 24 % auf japanische und 20 % auf europäische (einschließlich deutscher) Uhren. Zuvor lagen die Einfuhrzölle meist bei moderaten 3–8 %.
Nach den ersten Reaktionen der Märkte wurde kurzfristig ein 90-tägiges Moratorium verhängt, das die Zölle vorübergehend auf 10 % deckelt – doch die Angst bleibt: Sollte die volle Umsetzung erfolgen, würden europäische Luxusuhren auf dem US-Markt deutlich teurer.
Besonders bitter: Die USA sind nicht nur der wichtigste Exportmarkt für die Schweizer Uhrenindustrie (16,9 % aller Exporte), sondern auch ein zunehmend bedeutender Absatzmarkt für deutsche Hersteller – ebenso wie ein zentraler Kanal für den Sekundärmarkt und Plattformen wie Chrono24.
Mehrkosten, die niemand ignorieren kann
Ein Beispiel verdeutlicht die Brisanz: Eine Luxusuhr mit einem Großhandelspreis von 10.000 US-Dollar kostete bislang rund 10.600 Dollar. Mit einem vollen Zollsatz von 20 % auf EU-Waren wären es künftig 12.000 Dollar – ein Preissprung, der viele Käufer abschrecken dürfte.
Für Schweizer Uhrenmarken wie Rolex, Patek Philippe oder Audemars Piguet käme ein Zollsatz von 31 % zur Anwendung – ein Aufschlag, der noch schwerer zu verkraften ist.
Folgen für den deutschen Uhrenmarkt – ein Dominoeffekt
Was zunächst nach einem "amerikanischen Problem" aussieht, könnte auch in Deutschland und Europa spürbare Folgen haben:
- Weniger Exporte: Ein Rückgang der US-Verkäufe trifft deutsche Hersteller direkt und zwingt sie, neue Absatzmärkte zu erschließen – eine anspruchsvolle Herausforderung.
- Arbeitsplätze in Gefahr: Besonders in Regionen wie Glashütte, wo der Uhrenbau ein zentraler Wirtschaftszweig ist, könnten Auftragsrückgänge existenzbedrohend werden. Ein Schicksal, das auch andere Schlüsselindustrien wie die Automobilbranche trifft – mit negativen Folgen für Beschäftigung und Kaufkraft.
- Weniger Investitionen: Unternehmen könnten Innovationen und Ausbaupläne auf Eis legen – ein gefährlicher Stillstand in einem global hart umkämpften Markt.
- Einbrechender Sekundärmarkt: Auch Sammler könnten die Auswirkungen spüren, denn ein schrumpfender globaler Markt beeinflusst Verfügbarkeit und Wert von Vintage- und Luxusuhren.
Der Traum von „Uhren Made in USA“ – Wunschdenken?
Befürworter der Zölle argumentieren, man könne damit die US-Uhrenproduktion wiederbeleben. Doch ein realistischer Blick zeigt: Das ist schwer umsetzbar.
Seit der Quarzkrise in den 1970er Jahren ist die Uhrenindustrie in den USA nahezu verschwunden. Hochspezialisierte Komponenten wie Spiralfedern oder mechanische Werke werden dort kaum noch gefertigt.
Zum Vergleich: Die Schweiz verlangt für die Bezeichnung „Swiss Made“, dass mindestens 60 % der Wertschöpfung im Land erfolgt. Für ein echtes „Made in USA“-Label ist hingegen eine fast vollständige Inlandsfertigung nötig – ein Aufwand, der derzeit kaum realistisch ist.
Hinzu kommt: In den gesamten USA gibt es heute nur rund 4.000 Uhrmacher – weniger als die Gesamtzahl aller Profisportler in NBA, NFL, MLB und NHL.
Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, auf der Straße Stephen Curry oder Jalen Hurts zu begegnen als einem Uhrmacher!
Ein globales Ökosystem unter Druck
Die Luxusuhrenbranche lebt von globalen Handelsbeziehungen, spezialisierten Lieferketten und internationaler Nachfrage. Zölle gefährden dieses fein austarierte Gleichgewicht.
Für Deutschland – mit seiner stark exportorientierten Luxusgüterindustrie – wäre ein nachhaltiger Rückgang des US-Geschäfts ein harter Schlag. Auch der gesamte europäische Markt könnte dadurch unter Druck geraten, denn hohe Stückzahlen und stabile Margen hängen oft von funktionierenden Exportkanälen ab.
Fazit: Die Hoffnung ruht auf Vernunft
Die neuen Zölle auf Uhren und andere europäische Exportgüter zeigen deutlich: Handelsbarrieren treffen nicht nur die Hersteller, sondern auch Sammler, Händler und ganze Industriezweige.
Für Deutschland – stolz auf seine Uhrmacherkunst und Präzisionstechnologie – stellen sie eine ernst zu nehmende Bedrohung dar.
Der Uhrenmarkt – wie viele andere Bereiche unserer global vernetzten Wirtschaft – braucht Stabilität, offene Märkte und verlässliche Rahmenbedingungen. Nur so kann das Handwerk weiter gedeihen – von der kleinen Werkstatt in Glashütte bis zum Flagship-Store in New York.
In einer Zeit, in der die Welt enger zusammenrückt als je zuvor, bleibt zu hoffen: Dass die Vernunft über Zölle siegt – und nicht die Politik die feine Kunst der Zeitmessung ausbremst.
Bild generiert mit Hilfe von ChatGPT (DALL·E) von OpenAI.
